Emerging Markets: Alpha jenseits der klassischen Aktienselektion

Aktien aus den Emerging Markets erleben derzeit einen deutlichen Aufschwung. Nachdem sie über Jahre hinter den entwickelten Märkten zurückgeblieben waren, steuern sie 2026 auf das zweite Jahr in Folge zu, in dem sie eine relative Outperformance erzielen. Die Bewertungen sind weiterhin vergleichsweise attraktiv. Damit stellt sich die Frage, ob sich die Erholung zu einem länger anhaltenden Aufwärtstrend entwickeln könnte.

Allerdings hat sich das Anlageumfeld in den Emerging Markets erheblich verändert. Das Wachstum im Bereich der künstlichen Intelligenz hat die Bedeutung asiatischer Halbleiterhersteller erhöht, während die steigende Nachfrage nach Energie und Industriemetallen neue Chancen für rohstoffexportierende Länder eröffnet. Gleichzeitig bleiben Währungsentwicklungen und die Geldpolitik wichtige Einflussfaktoren für die relative Performance der einzelnen Märkte.

Für institutionelle Investoren ergeben sich daraus zwei zentrale Herausforderungen: Zum einen gilt es zu entscheiden, in welche Märkte innerhalb der Emerging Markets investiert werden soll. Zum anderen müssen zusätzliche Ertragsquellen jenseits der klassischen Aktienselektion identifiziert werden.

Drei Faktoren, die die Emerging Markets prägen

Laut Justin Kariya, Head of Macro Strategy bei City of London Investment Management (CLIM), sind drei Faktoren für die Aussichten der Emerging Markets besonders entscheidend: die Nachfrage nach KI-Hardware, die Entwicklung des US-Dollars und das Potenzial für einen breiteren Rohstoffzyklus.

Künstliche Intelligenz ist zu einem wichtigen Wachstumstreiber für die Unternehmensgewinne in den Emerging Markets geworden, insbesondere in Taiwan und Südkorea. Beide Märkte sind eng in die globale Halbleiterlieferkette eingebunden. Die dort ansässigen Unternehmen profitieren von Investitionen in Rechenzentren, IT-Infrastruktur und Speichertechnologien.

Die Exportaufträge aus Taiwan und Südkorea, die in der Vergangenheit als wichtige Frühindikatoren für die Gewinnentwicklung in den Emerging Markets dienten, zeigen weiterhin eine starke Dynamik. Auch wenn die Nachhaltigkeit der KI-bezogenen Investitionsausgaben kontrovers diskutiert wird, deuten die aktuellen Indikatoren auf eine anhaltend hohe Nachfrage hin.

„Die Daten zeigen derzeit eine weitere Beschleunigung. Die Fundamentaldaten sind also stark und verbessern sich weiter“, erklärt Kariya.

Der zweite Faktor ist der US-Dollar. Historisch gesehen haben sich Aktien aus den Emerging Markets gegenüber US-Aktien in Phasen eines schwächeren Dollars tendenziell besser entwickelt. Wechselkursbewegungen beeinflussen dabei die Finanzierungsbedingungen, Kapitalströme und Anlageerträge.

Die jüngste Stärke des US-Dollars stellt daher einen potenziellen Belastungsfaktor dar. Kariya unterscheidet jedoch zwischen der Aufwertung, die sich in den viel beachteten Dollarindizes widerspiegelt, und der Entwicklung der Emerging-Markets-Währungen insgesamt. Während der Dollar gegenüber dem Euro aufgewertet hat, zeigten sich Währungen wie der brasilianische Real und der chinesische Renminbi widerstandsfähiger.

Eine länger anhaltende geldpolitische Straffung in den USA, begleitet von einer breit angelegten Aufwertung des Dollars, würde ein erhebliches Risiko für die Aussichten der Emerging Markets darstellen.

Der dritte Einflussfaktor sind Rohstoffe. Investitionen in KI-Infrastruktur, Stromnetze und Elektrifizierung steigern die Nachfrage nach Industriemetallen wie Kupfer und erhöhen zugleich den Energiebedarf. Davon könnten rohstoffexportierende Länder, insbesondere in Lateinamerika, langfristig profitieren.

CLIM sieht derzeit unter anderem in Mexiko und Chile attraktive Anlagechancen und beurteilt inzwischen auch Brasilien positiver. In Asien zählen Taiwan und Südkorea weiterhin zu den wichtigsten Profiteuren der Technologieinvestitionen, während chinesische A-Aktien einen Zugang zur Entwicklung des heimischen KI-Ökosystems bieten.

Diese unterschiedlichen Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung einer aktiven Länderallokation. Die Emerging Markets lassen sich nicht als homogene Anlageklasse betrachten. Vielmehr werden die Anlagechancen zunehmend von unterschiedlichen wirtschaftlichen und strukturellen Entwicklungen in den einzelnen Ländern geprägt.

Von der Länderallokation zur Umsetzung im Portfolio

Die Identifizierung attraktiver Länder beantwortet jedoch noch nicht die Frage, wie Investoren diese Märkte am besten in ihrem Portfolio abbilden können.

Traditionelle Emerging-Markets-Manager versuchen in der Regel, durch fundamentale Unternehmensanalysen und gezielte Aktienselektion eine Outperformance zu erzielen. Diese Ansätze können durchaus erfolgreich sein. Allerdings führt die Kombination mehrerer Manager nicht zwangsläufig zu einer stärkeren Diversifizierung der Alpha-Quellen, wenn ihre Investmentprozesse auf ähnlichen Renditetreibern basieren.

CLIM verfolgt einen anderen Ansatz und kombiniert eine Top-down-Länderallokation mit Investments in börsennotierte Closed-End Funds (CEFs).

Das makroökonomische Research umfasst 29 Emerging und Frontier Markets. Dabei werden wirtschaftliche, marktbezogene und politische Faktoren analysiert, um Länder mit Potenzial für eine Über- oder Untergewichtung zu identifizieren. Anschließend suchen die Portfoliomanager nach geeigneten Anlageinstrumenten, um diese Einschätzungen umzusetzen. Dabei berücksichtigen sie unter anderem die Qualität der zugrunde liegenden Fondsmanager, die Portfolioausrichtung, Liquidität und Bewertung.

Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Bewertung eines Closed-End Funds eine eigenständige Anlagechance eröffnen kann – unabhängig von der Wertentwicklung der im Fonds enthaltenen Wertpapiere.

Closed-End Funds: Zusätzliche Ertragschancen jenseits des zugrunde liegenden Portfolios

Im Gegensatz zu offenen Investmentfonds verfügen Closed-End Funds über eine feste Anzahl von Anteilen, die an der Börse gehandelt werden. Ihre Marktpreise werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt und können daher vom Nettoinventarwert (Net Asset Value, NAV) der zugrunde liegenden Anlagen abweichen.

Notiert ein Fonds unter seinem NAV, spricht man von einem Bewertungsabschlag (Discount). Entscheidend ist, dass dieser Abschlag nicht konstant bleibt. Er kann sich je nach Anlegerstimmung, Nachfrage und Marktbedingungen vergrößern oder verkleinern.

Für Investoren, die diese Entwicklungen einschätzen können, bieten Schwankungen der Bewertungsabschläge eine zusätzliche Ertragsquelle.

Ein Beispiel: Ein Closed-End Fund notiert mit einem Abschlag von 12 % auf seinen Nettoinventarwert. Kauft ein Investor den Fonds und verkauft ihn später, nachdem sich der Abschlag auf 7 % verringert hat, entsteht durch diese Bewertungsveränderung ein zusätzlicher Ertrag, unabhängig von der Wertentwicklung des zugrunde liegenden Portfolios. Bei unverändertem NAV würde dies einem Kursgewinn von rund 5,7 % vor Kosten entsprechen.

Oliver Marschner, Head of Emerging Markets Equity bei CLIM, bringt das Prinzip auf den Punkt: „Genau diese Veränderungen im Zeitverlauf versuchen wir gezielt zu nutzen.“

Ein Beispiel ist der Templeton Emerging Markets Investment Trust, ein an der Londoner Börse notierter Closed-End Fund, der in verschiedene Emerging Markets investiert. Sein Abschlag auf den NAV hat im Laufe der Zeit erheblich geschwankt. Dadurch ergeben sich Möglichkeiten, Positionen bei ungewöhnlich hohen Abschlägen auszubauen und bei einer Verringerung der Abschläge wieder zu reduzieren.

Bemerkenswert ist, dass solche Marktineffizienzen selbst dann bestehen bleiben können, wenn die zugrunde liegenden Wertpapiere liquide sind und die Nettoinventarwerte regelmäßig veröffentlicht werden.

Nach Schätzungen von CLIM entfallen mehr als 90 % der Anteile im breiteren Closed-End-Fund-Universum auf Investoren, für deren Anlageentscheidungen Bewertungsabschläge eine untergeordnete Rolle spielen. Dazu zählen Privatanleger, Vermögensverwalter und Investmentgesellschaften, deren Transaktionen häufig stärker von Mittelzu- und -abflüssen, Ertragsanforderungen oder dem Wunsch nach einem bestimmten Marktexposure bestimmt werden als vom Verhältnis zwischen Börsenkurs und NAV.

Allerdings ist die Nutzung von Bewertungsabschlägen nicht risikofrei. Abschläge können sich weiter ausweiten, über längere Zeit auf hohem Niveau verharren oder auf berechtigte Bedenken hinsichtlich des zugrunde liegenden Portfolios, der Governance oder der Liquidität eines Fonds zurückzuführen sein. Eine sorgfältige Analyse sowohl des Anlageinstruments als auch der enthaltenen Vermögenswerte ist daher unerlässlich.

Eine zusätzliche Alpha-Quelle innerhalb der Emerging-Markets-Allokation

Die Bedeutung dieses Ansatzes wird besonders deutlich, wenn man die Diversifizierung eines Portfolios betrachtet.

Ein traditioneller Emerging-Markets-Aktienmanager und ein auf Closed-End Funds spezialisierter Manager können letztlich in viele der gleichen Unternehmen investiert sein. Der Unterschied liegt darin, wie sie versuchen, zusätzliche Erträge zu erzielen.

Der Emerging World Fund von CLIM, eine UCITS-Strategie, investiert in der Regel in ein diversifiziertes Portfolio aus Closed-End Funds etablierter Investmentgesellschaften. Zum 30. September 2026 umfasste das Portfolio 41 Positionen und bot damit indirekten Zugang zu einem breiten Spektrum von Emerging-Markets-Aktien.

Zu den größten indirekten Unternehmenspositionen zählten Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, Samsung Electronics, SK hynix und Tencent. Damit waren viele der Unternehmen vertreten, die auch in traditionellen Emerging-Markets-Portfolios eine wichtige Rolle spielen.

Die zugrunde liegenden Aktienpositionen können sich somit erheblich mit denen traditioneller Emerging-Markets-Manager überschneiden. Was sich unterscheidet, ist die Art und Weise, wie die Strategie versucht, zusätzliche Erträge zu erzielen.

Für Investoren, die mehrere Emerging-Markets-Manager kombinieren, ist diese Unterscheidung relevant. Während traditionelle aktive Manager überwiegend auf die gezielte Auswahl einzelner Aktien setzen, versucht CLIM, zusätzliche Erträge durch Länderallokation, die Performance der zugrunde liegenden Fondsmanager und Veränderungen der Bewertungsabschläge von Closed-End Funds zu erzielen.

Die Strategie kann somit zur Diversifizierung der Alpha-Quellen innerhalb einer Emerging-Markets-Allokation beitragen, anstatt ein grundsätzlich anderes Exposure zur Anlageklasse zu bieten.

Ein Blick auf die historische Performance-Attribution verdeutlicht die potenzielle Bedeutung der Nutzung von Bewertungsabschlägen. In den zehn Jahren bis zum 30. September 2026 trugen Veränderungen der Bewertungsabschläge schätzungsweise 1,22 Prozentpunkte pro Jahr zur relativen Performance des Emerging World Fund gegenüber seiner Benchmark, dem S&P Emerging Frontier Super Composite Net Total Return BMI (S&P Super BMI), bei. Im gleichen Zeitraum steuerten die Länderallokation und die Performance der zugrunde liegenden Nettoinventarwerte jeweils 0,46 Prozentpunkte pro Jahr bei, vor Gebühren und Kosten.[1]

Diese Beiträge können je nach Marktumfeld erheblich schwanken. Im jüngsten Einjahreszeitraum belasteten Veränderungen der Bewertungsabschläge die relative Performance mit 0,61 Prozentpunkten, während die Länderallokation und die Performance der zugrunde liegenden Nettoinventarwerte positive Beiträge leisteten.

Die Zahlen verdeutlichen sowohl das Potenzial der Nutzung von Bewertungsabschlägen für die langfristige Performance als auch die Tatsache, dass dieser Ansatz nicht durchgehend positive Erträge liefert.

Für institutionelle Investoren, die ihre Emerging-Markets-Allokation überprüfen, stellt sich daher nicht nur die Frage, welche Länder, Sektoren oder Manager die besten Aussichten auf eine Outperformance bieten. Es lohnt sich auch zu prüfen, ob unterschiedliche Investmentansätze tatsächlich ergänzende Alpha-Quellen erschließen können.

[1] Quelle: City of London Investment Management (CLIM)

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