Emerging Markets 2026: KI, China und Neubewertung

Executive Summary

Emerging Markets profitieren weiterhin von einer starken Gewinnentwicklung, verbesserten makroökonomischen Rahmenbedingungen und strukturellen Investmentthemen – trotz der zuletzt gestiegenen geopolitischen Unsicherheiten. Im Gespräch erläutert Justin Kariya, Head of Economic and Market Strategy bei City of London Investment Management (CLIM), warum die jüngste Rallye in Emerging-Markets-Aktien vor allem gewinngetrieben war und weniger auf einer Ausweitung der Bewertungen beruhte. Sollten die Unternehmensgewinne robust bleiben, sieht er weiteres Potenzial für eine Neubewertung der Schwellenländer.

Ein Schwerpunkt des Interviews liegt auf der wachsenden Bedeutung von KI-bezogenen Investitionen in Emerging Asia – insbesondere entlang der Halbleiter- und Technologie-Lieferkette in Taiwan und Südkorea. Darüber hinaus hebt Kariya einen schwächeren US-Dollar, veränderte globale Handelsströme sowie Trends rund um die Diversifizierung der Energieversorgung als potenzielle Rückenwinde für Emerging Markets hervor. Trotz weiterhin erhöhter geopolitischer Risiken – insbesondere mit Blick auf China und die Energiemärkte – bleibt aktives Management aus seiner Sicht entscheidend, um strukturelle Wachstumschancen zu identifizieren und gleichzeitig länderspezifische Unterschiede und Volatilität gezielt zu steuern.

Transkript & Übersetzung

 

Thomas Schalow: Hallo und herzlich willkommen. Heute spreche ich mit Justin Kariya, Head of Economic and Market Strategy bei City of London Investment Management. Wir diskutieren den Ausblick für Emerging Markets im Jahr 2026 – von US-Dollar und Gewinnmomentum über KI-Investitionen bis hin zu Geopolitik, Energierisiken und länderspezifischen Unterschieden. Justin, vielen Dank für das Gespräch.

Justin Kariya: Vielen Dank für die Einladung.

Thomas Schalow: Nach einem sehr starken Jahr 2025 für Emerging Markets und dem jüngsten geopolitischen Schock rund um den Nahen Osten: Wo stehen Schwellenländer-Aktien heute? Eher am Beginn einer breiteren Neubewertung oder ist vieles bereits eingepreist?

Justin Kariya: Emerging Markets haben in diesem Jahr, aber auch bereits im vergangenen Jahr, eine sehr starke Entwicklung gezeigt. Entsprechend stellen sich viele Investoren genau diese Frage: Befinden wir uns noch am Anfang, bereits in der Mitte oder vielleicht schon am Ende des Zyklus? Nach einer so starken Performance liegt natürlich schnell die Vermutung nahe, dass die besten Renditen möglicherweise bereits hinter uns liegen.

Wichtig ist aus meiner Sicht jedoch, dass die Rallye der vergangenen zwölf Monate vor allem durch Gewinnwachstum getragen wurde. Betrachtet man die Forward-KGVs, haben Emerging Markets sogar eher eine Abwertung gesehen – zumindest relativ zum ACWI.

Wenn man etwas tiefer in die Zahlen schaut und die Konsensschätzungen für die Gewinnentwicklung in Emerging Markets mit anderen großen Volkswirtschaften beziehungsweise Aktienindizes vergleicht, dann bleibt das Gewinnwachstum in Emerging Markets auch für das kommende Jahr überdurchschnittlich stark – stärker als im Rest der Welt. Gleichzeitig werden die Märkte weiterhin mit vergleichsweise niedrigen Forward-Bewertungen gehandelt.

Die zentrale Aussage daraus ist: Sollten Emerging Markets auch über dieses Jahr hinaus robuste Gewinnzuwächse liefern, besteht durchaus weiteres Potenzial für eine Neubewertung der Anlageklasse.

Thomas Schalow: Wie bereits angesprochen, werden Emerging Markets trotz verbesserter Gewinnerwartungen weiterhin mit einem deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber den entwickelten Märkten gehandelt. Warum besteht dieser Abschlag weiterhin – und was müsste passieren, damit Investoren Schwellenländer-Aktien höhere Bewertungen zugestehen?

Justin Kariya: Zunächst einmal würde ich sagen – insbesondere für jüngere Investoren, und ich bin selbst noch nicht besonders alt –, dass viele unter 40 wahrscheinlich gar nicht mehr wissen, dass Emerging Markets vor 2013 zeitweise auf einem ähnlichen Bewertungsniveau wie entwickelte Märkte oder die USA gehandelt wurden.

Die spannende Frage ist daher, warum sich dieser Bewertungsabschlag in den vergangenen rund 15 Jahren so hartnäckig gehalten hat. Dafür gibt es sicherlich verschiedene Erklärungen.

Ein wesentlicher Punkt ist aus meiner Sicht die Frustration vieler Asset Allocators und Investoren nach der langen Phase der Underperformance von Emerging Markets zwischen 2011 und 2024 – insbesondere im Vergleich zu den USA. Gerade für US-Investoren waren die Renditen am heimischen Markt außergewöhnlich stark. Und wenn man sich die Entwicklung der „Magnificent 7“ oder zuvor der FAANG-Aktien anschaut, ist es nachvollziehbar, dass sich viele gefragt haben: Warum sollte ich außerhalb der USA investieren, wenn dort so hohe Renditen erzielt wurden?

Hinzu kommt: Auch wenn sich die Gewinnentwicklung in Emerging Markets deutlich verbessert hat und das Investment Case dadurch attraktiver geworden ist, gibt es weiterhin Zweifel daran, wie nachhaltig dieses Gewinnwachstum tatsächlich ist. Ein großer Teil der Dynamik wurde zuletzt durch das Thema künstliche Intelligenz getrieben. Und für viele Investoren, die keine ausgewiesenen Technologieexperten sind, ist es schwierig einzuschätzen, wie sich die Nachfrage nach KI künftig entwickeln wird und welche langfristigen Chancen daraus entstehen könnten.

Ein weiterer wichtiger Faktor für Emerging Markets ist der US-Dollar. Für unsere Generation war der Großteil der beruflichen Laufbahn von einem starken Dollar geprägt. Sollten wir nun in eine Phase struktureller Dollar-Schwäche eintreten, stellt sich die Frage, wie Investoren ihr Denken anpassen müssen – und welche Auswirkungen das auf Emerging Markets haben könnte.

Thomas Schalow: Das bringt uns direkt zur nächsten Frage. Der US-Dollar war über viele Jahre hinweg einer der wichtigsten Einflussfaktoren für Emerging Markets. Was ist aktuell Ihr Basisszenario für den Dollar – und welche Regionen innerhalb der Emerging Markets würden besonders von einer anhaltenden Dollar-Schwäche profitieren?

Justin Kariya: Zunächst einmal, unsere Hausmeinung ist, dass der US-Dollar im weiteren Jahresverlauf eher schwächer tendieren dürfte. Historisch betrachtet war das ein bedeutender Rückenwind für Schwellenländer, da die Anlageklasse über längere Zeiträume hinweg typischerweise eine starke negative Korrelation zum US-Dollar aufweist.

Ein häufiges Gegenargument lautet natürlich, dass der Dollar die globale Reservewährung ist und dies auf absehbare Zeit auch bleiben dürfte. Dem stimme ich vollkommen zu. Aus unserer Sicht gibt es derzeit keine realistische Alternative, die den Dollar kurzfristig in dieser Rolle ablösen könnte.

Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass es nicht dennoch Phasen deutlicher Dollar-Abwertung geben kann. Anfang der 2000er Jahre beispielsweise verlor der Dollar handelsgewichtet zweistellig an Wert – und das in einer Zeit, die man durchaus als Höhepunkt der US-Dominanz bezeichnen könnte. Der Dollar blieb dennoch die globale Reservewährung. Mit anderen Worten: Auch eine Reservewährung kann über längere Zeiträume schwächer tendieren.

Wir sehen dafür aktuell eine Kombination aus Bewertungs-, zyklischen und strukturellen Faktoren. Bewertungsseitig erscheint der Dollar nach wie vor teuer, was kein besonders attraktiver Ausgangspunkt für Dollar-Käufer ist. Viele Marktteilnehmer orientieren sich zudem an den Realzinsdifferenzen zwischen den USA und anderen großen Volkswirtschaften. Und wenn wir diese Entwicklung analysieren, deutet der Trend eher auf einen schwächeren US-Dollar hin.

Hinzu kommt ein struktureller Aspekt: In einer zunehmend multipolaren Welt dürfte das Bedürfnis nach Diversifizierung weg vom US-Dollar weiter zunehmen.

Und auch kurzfristig gibt es interessante Signale. Im März legte der Dollar im Zuge der geopolitischen Spannungen zunächst noch zu, hat diese Bewegung inzwischen aber wieder vollständig abgegeben. Das könnte darauf hindeuten, dass der Dollar seine Rolle als verlässlicher sicherer Hafen zumindest teilweise verliert. Insgesamt sehen wir daher gute Gründe für eine weitere Abschwächung des Dollars.

Zur zweiten Frage: Ich würde sie vielleicht leicht anders formulieren und eher fragen, welche Emerging Markets weniger profitieren würden. Denn grundsätzlich tendiert die gesamte Anlageklasse dazu, von einem schwächeren Dollar zu profitieren.

Eine Ausnahme bilden allerdings viele Golfstaaten beziehungsweise GCC-Länder, deren Währungen an den US-Dollar gekoppelt sind oder aktiv gegenüber dem Dollar gesteuert werden. Diese Märkte entwickeln sich in einem schwächeren Dollarumfeld häufig weniger stark als andere Emerging Markets.

Thomas Schalow: Wir haben bereits über KI gesprochen. Künstliche Intelligenz wird häufig als US-Technologiethema diskutiert, obwohl große Teile der Hardware-Lieferkette eigentlich in Emerging Asia angesiedelt sind. Entwickeln sich die Investitionen rund um KI damit inzwischen zu einem echten Makrothema für Emerging Markets?

Justin Kariya: Ja, absolut. Als Emerging-Markets-Investor kann man die Investitionstrends in den USA derzeit eigentlich nicht ignorieren – insbesondere die enormen Ausgaben der großen US-Hyperscaler.

Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Rückenwinde für Emerging Markets überhaupt: das Ausmaß der Investitionen dieser Unternehmen. Die großen Technologiekonzerne investieren inzwischen Hunderte Milliarden US-Dollar in Halbleiter und Chips – perspektivisch könnten daraus sogar Billionenbeträge pro Jahr werden.

Bemerkenswert ist dabei auch, dass diese Unternehmen gegenüber Energiepreisen oder anderen makroökonomischen Faktoren vergleichsweise unempfindlich erscheinen. Sie verfolgen ihre eigenen strategischen Ziele – sei es die Verteidigung ihrer Marktstellung oder die Sicherung technologischer Führungspositionen im Bereich künstliche Intelligenz.

Für Emerging Markets bedeutet das letztlich direkte Umsatzströme in zentrale Technologie- und Produktionsmärkte. Besonders Südkorea und Taiwan zählen zu den größten Profiteuren dieser Entwicklung.

Und selbst in einem Umfeld, in dem die Ölpreise zuletzt zeitweise über 100 US-Dollar gestiegen sind, konnten sich viele technologieorientierte Emerging Markets weiter deutlich besser entwickeln. Getrieben wurde das vor allem durch starkes Gewinnwachstum und steigende Gewinnerwartungen – genau die Punkte, die ich zuvor bereits angesprochen habe.

Thomas Schalow: Wir haben die starke Konzentration auf Südkorea und Taiwan bereits angesprochen – beide Märkte profitieren weiterhin besonders stark vom KI-getriebenen Hardwarezyklus. Wie kann das starke Gewinnmomentum im Bereich Halbleiter und Speicherchips mit Bewertungsrisiken, geopolitischen Risiken und der Tatsache, dass sich die Performance der Emerging Markets derzeit auf eine relativ kleine Zahl von Unternehmen konzentriert, balanciert werden?

Justin Kariya: Ja, das ist ein wichtiger Punkt, über den wir sprechen müssen. Zum einen besteht natürlich das Risiko, dass dieser KI-getriebene Nachfragezyklus nicht ewig anhält und sich irgendwann abschwächen wird. Hinzu kommt das Konzentrationsrisiko – ein Thema, mit dem sich übrigens auch US-Investoren intensiv auseinandersetzen mussten. All das schafft Herausforderungen für Anleger.

Unser Ansatz wäre allerdings nicht, diese Entwicklung einfach zu ignorieren oder bewusst nicht investiert zu sein. Dafür ist die Bedeutung dieser Unternehmen für die globale KI- und Halbleiterlieferkette schlicht zu groß. Viele dieser Firmen generieren enorme Umsätze, und die Nachfrage könnte durchaus noch über Jahre hinweg anhalten. Natürlich kann sich das ändern – aber das ist derzeit nicht unser Basisszenario. Die Investitionszahlen im Bereich KI-Infrastruktur bleiben weiterhin sehr robust.

Die Aufgabe eines guten EM-Portfoliomanagers besteht aus unserer Sicht darin, an diesen strukturellen Wachstumsbereichen beteiligt zu bleiben und gleichzeitig bereits die nächsten potenziellen Chancen aufzubauen – sowohl innerhalb der Emerging Markets als auch global.

Ein Beispiel dafür sind Rohstoffe. Mit dem Ausbau der Energieinfrastruktur dürften sie künftig wieder stärker an Bedeutung gewinnen, und Emerging Markets bieten hier interessante Exposure. Aktuell befinden wir uns im KI-Zyklus noch stark in der sogenannten „Picks-and-Shovels“-Phase – also beim Aufbau der Infrastruktur, beim Training von Modellen und bei Hardwareinvestitionen.

Der nächste Schritt wird jedoch die Anwendungsebene von KI sein. Die entscheidende Frage lautet dann: Wie wird diese Technologie tatsächlich genutzt? Bereiche wie Robotik, Verteidigungsausgaben, KI-basierte Produktivitätslösungen oder allgemein der Einsatz von KI in der Realwirtschaft dürften zunehmend wichtiger werden.

Und auch in diesen Bereichen bieten Schwellenländer attraktive Möglichkeiten – insbesondere China, das wir in diesem Zusammenhang als potenziell sehr interessantes Investmentfeld sehen.

Thomas Schalow: China ist ein gutes Stichwort. China bleibt einer der meistdiskutierten Märkte innerhalb der Emerging Markets. CLIM unterscheidet dabei zwischen China-A-Aktien und Offshore-China-Aktien. Was ist die Logik hinter dieser Differenzierung – und was müsste passieren, damit Sie bei Offshore-China konstruktiver werden?

Justin Kariya: Seit 2021 gehört China sicherlich zu den Märkten, die bei internationalen Investoren eher unbeliebt waren. Gleichzeitig sehen wir dort durchaus Potenzial und blicken vorsichtig optimistisch auf den Markt.

Grundsätzlich besteht immer das Risiko, dass Anleger attraktive Chancen verpassen, wenn sie einen gesamten Markt pauschal meiden – auch wenn es selbstverständlich reale Risiken gibt.

Es gibt einige Bereiche in China, die wir aktuell besonders interessant finden. Ein Beispiel ist erneuerbare Energie. Dieser Sektor war vor wenigen Monaten noch eher aus dem Fokus geraten. Mit der zunehmenden Diskussion rund um Energieversorgung und Diversifizierung ist das Thema inzwischen aber wieder deutlich stärker in den Mittelpunkt gerückt – und China nimmt hier eine klare Führungsrolle ein.

Ähnliches gilt für die Anwendungsebene von KI, die ich bereits angesprochen habe. China gehört in Bereichen wie Robotik oder Large Language Models zu den führenden Akteuren – möglicherweise sogar mit einer günstigeren Kostenstruktur als einige der großen US-Anbieter. Auch daraus könnten sich Wettbewerbsvorteile ergeben.

Und auch bei Elektrofahrzeugen sehen wir ein ähnliches Muster. Vor einigen Monaten schien das Thema etwas an Dynamik zu verlieren, inzwischen ist das Investoreninteresse jedoch wieder deutlich gestiegen – und China bleibt einer der wichtigsten Märkte in diesem Bereich.

Mein Punkt ist daher: Es gibt mehrere strukturelle Themen, bei denen China künftig eine immer wichtigere Rolle spielen könnte – entweder als globaler Marktführer oder als ernstzunehmender Wettbewerber der USA.

Gleichzeitig bestehen natürlich weiterhin erhebliche geopolitische Risiken. Das ist einer der Hauptgründe, warum viele Investoren China zuletzt gemieden haben.

Es ist kein Geheimnis, dass die Haltung der US-Regierung – und westlicher Regierungen generell – gegenüber China immer wieder zwischen Kooperation und Konfrontation schwankt. Genau deshalb bevorzugen wir tendenziell eher China-A-Aktien. Diese befinden sich überwiegend in heimischem Besitz und sind dadurch potenziell weniger anfällig für internationale Kapitalabflüsse, da die lokale Investorenbasis sehr groß ist.

Hinzu kommt, dass wir zunehmend Hinweise sehen, dass die chinesische Regierung versucht, einen Teil der hohen inländischen Sparquote gezielt in den Aktienmarkt umzulenken. Davon könnten insbesondere A-Aktien profitieren.

Was unsere Sicht auf Offshore-China-Aktien verbessern könnte, wäre vor allem eine Entspannung der Beziehungen zwischen den USA und China. Das könnte ein wichtiger Katalysator für Offshore-Titel sein.

Thomas Schalow: Die Situation rund um die Straße von Hormus hat das Thema Energieabhängigkeit wieder stärker in den Fokus gerückt. Wie beurteilen Sie die Auswirkungen höherer Ölpreise auf Emerging Markets – sowohl mit Blick auf besonders anfällige Länder als auch auf diejenigen, die langfristig von einer stärkeren Diversifizierung der Energieversorgung profitieren könnten?

Justin Kariya: Das ist aktuell sicherlich eines der zentralen Themen für Investoren. Grundsätzlich versuchen wir allerdings, uns vor allem auf die großen langfristigen Trends zu konzentrieren und uns nicht zu stark von kurzfristigem Marktrauschen leiten zu lassen.

Wenn wir erneut auf das Thema KI zurückkommen: Aus unserer Sicht bleibt das ein äußerst wichtiger Investmenttrend, der uns wahrscheinlich noch über die nächsten drei bis fünf Jahre – möglicherweise sogar länger – begleiten wird. Selbst während der jüngsten geopolitischen Spannungen und des Ölpreisanstiegs lag unser Fokus weiterhin darauf, jene Bereiche innerhalb der Emerging Markets zu identifizieren, die besonders von diesem Trend profitieren könnten – insbesondere im Technologiesektor. Bisher hat dieser Ansatz vergleichsweise gut funktioniert. Einige dieser Unternehmen konnten sich trotz steigender Ölpreise weiterhin sehr positiv entwickeln.

Gleichzeitig müssen wir selbstverständlich auch die makroökonomischen Risiken im Blick behalten. Sollte die Straße von Hormus tatsächlich geschlossen werden und die Ölpreise deutlich steigen, wäre das ohne Frage ein erheblicher Schock für die Märkte. Deshalb analysieren wir sehr genau, welche Länder besonders anfällig für höhere Energiepreise sind – vor allem dann, wenn gleichzeitig strukturelle Wachstumstreiber oder ausreichende wirtschaftliche Puffer fehlen. Das fließt direkt in unsere Allokationsentscheidungen ein.

Über die kurzfristige Entwicklung der Ölpreise hinaus – die sich von hier aus sowohl nach oben als auch nach unten bewegen könnten – sehen wir aber vor allem ein wichtiges langfristiges Thema: die Diversifizierung der Energieversorgung und der Versuch vieler Länder, Lieferketten resilienter zu gestalten und geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren.

Lateinamerika könnte in diesem Zusammenhang beispielsweise zunehmend interessant werden, da die Region – insbesondere aufgrund ihrer geografischen Nähe zu den USA – als geopolitisch vergleichsweise sichere Rohstoffquelle wahrgenommen wird.

Auch chinesische Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien könnten in diesem Umfeld profitieren. Zudem ist Südkorea Heimat mehrerer bedeutender Batteriehersteller.

Insgesamt sehen wir daher sowohl aus dem aktuellen Energieschock als auch aus den Erfahrungen seit dem Russland-Ukraine-Konflikt neue strukturelle Investmentchancen entstehen.

Thomas Schalow: Der globale Handel verändert sich derzeit spürbar. Länder wie Mexiko, Vietnam und Teile der ASEAN-Region profitieren von der Diversifizierung globaler Lieferketten. Wie nachhaltig ist dieser Friend-Shoring-Trend? Ich erinnere mich auch an die frühere „China+1“-Strategie. Und welche Risiken ergeben sich für Emerging Markets durch Zölle und möglicherweise wieder zunehmende Handelskonflikte?

Justin Kariya: Ja, wir sehen diesen Friend-Shoring-Trend beziehungsweise die breitere Neuordnung globaler Lieferketten ganz klar als langfristiges strukturelles Thema. Besonders relevant ist das aus unserer Sicht für bestimmte Emerging Markets wie Mexiko oder Vietnam.

Der wesentliche Treiber dahinter ist der Wunsch der USA, die wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren. Die USA und China waren über viele Jahre hinweg wirtschaftlich sehr eng verflochten, und die Politik versucht zunehmend, diese Beziehungen stärker zu diversifizieren.

Dieser Prozess hat aus unserer Sicht bereits während der ersten Trump-Regierung ab 2016 begonnen. Seitdem haben sich einige klare Gewinner herauskristallisiert – und wir glauben, dass sich diese Trends durchaus fortsetzen könnten. Vietnam ist ein Beispiel dafür und spielt auch in unseren Allokationen eine wichtige Rolle.

Natürlich können sich politische Rahmenbedingungen in den USA verändern, ebenso wie Zollpolitik und Handelsmaßnahmen. Dennoch betrachten wir das weniger als kurzfristiges Trading-Thema, sondern vielmehr als langfristige strukturelle Entwicklung.

Letztlich geht es den USA darum, die wirtschaftliche Abhängigkeit von China zu reduzieren – vielleicht nicht vollständig, aber zumindest deutlich stärker zu steuern und breiter aufzustellen. Gleichzeitig bleibt die US-Wirtschaft weiterhin auf wettbewerbsfähig produzierte Industriegüter angewiesen.

Thomas Schalow: Schauen wir auf die andere Seite der Welt. Die politische Landschaft in Lateinamerika hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, viele Länder verfolgen inzwischen marktfreundlichere Ansätze. Verändert das den strukturellen Investment Case für die Region?

Justin Kariya: Genau, mehrere Länder in Lateinamerika haben Wahlen erlebt und sich dabei den USA politisch und wirtschaftlich teilweise wieder stärker angenähert – oder bewegen sich zumindest in diese Richtung. Daraus ergeben sich potenzielle Vorteile für einige dieser Volkswirtschaften.

Engere Beziehungen zu den USA bringen wirtschaftliche Vorteile mit sich, gleichzeitig sorgt die geografische Nähe auch für eine gewisse geopolitische Stabilität. Gerade in einer Zeit, in der Investoren verstärkt darüber nachdenken, wie und wo sie Rohstoffe und Lieferketten absichern können, ohne sich zu stark geopolitischen Risiken oder möglichen Konflikten auszusetzen, wird Lateinamerika zunehmend interessant.

Mexiko sehen wir aktuell besonders positiv. Die politische Führung agiert bislang vergleichsweise pragmatisch – insbesondere im Umgang mit den Schwankungen und Unsicherheiten der US-Politik. Gleichzeitig beobachten wir in Mexiko ein solides Gewinnwachstum, was den Markt zusätzlich unterstützt.

Brasilien betrachten wir dagegen etwas vorsichtiger – insbesondere im Vorfeld der kommenden Präsidentschaftswahl, die meines Wissens im Oktober stattfindet. Zudem bleibt die vergleichsweise hohe Staatsverschuldung ein wichtiger Faktor, den wir genau beobachten.

Allerdings hat sich auch der Investment Case für Brasilien in den vergangenen Monaten verbessert – insbesondere aufgrund der Rolle des Landes als bedeutender Rohstoffexporteur und seiner Position innerhalb einer geopolitisch vergleichsweise stabilen Region.

Thomas Schalow: Wenn wir auf die zweite Jahreshälfte 2026 blicken: Welche zwei oder drei Makroindikatoren beobachten Sie derzeit besonders genau? Und welche Rolle sollten institutionelle Investoren einer aktiv gemanagten Emerging-Markets-Strategie innerhalb eines breiteren Portfolios beimessen?

Justin Kariya: Das zentrale Thema bleibt aus meiner Sicht – wie bereits mehrfach angesprochen – künstliche Intelligenz. Dieses Thema lässt sich derzeit kaum ignorieren, da es in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Markttreiber war. Und wir glauben, dass das auch so bleiben wird – sowohl mit Blick auf die Stärke des Trends selbst als auch hinsichtlich möglicher Anzeichen dafür, wo sich die Dynamik irgendwann abschwächen könnte.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist der US-Dollar. Wie bereits erwähnt, fand der Großteil vieler Investmentkarrieren in einem Umfeld struktureller Dollar-Stärke statt. Deshalb beobachten wir sehr genau, ob sich dieser Trend nachhaltiger verändert – und wir glauben, dass wir bereits erste Anzeichen dafür sehen, auch wenn das weiterhin kontrovers diskutiert wird.

Ein drittes wichtiges Thema sind Rohstoffe – und zwar weit über Gold hinaus. Gold steht zwar weiterhin stark im Fokus vieler Investoren, aber auch der breitere Rohstoffsektor gewinnt zunehmend an Bedeutung, insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Entwicklungen und der zunehmenden Bedeutung von Energie-Diversifizierung.

Zur zweiten Frage – der Rolle aktiver Manager in Emerging Markets: Der große Reiz von Emerging Markets liegt in den attraktiven strukturellen Wachstumschancen. Gleichzeitig bleiben aber immer auch Risiken bestehen – etwa schwächere Volkswirtschaften oder strukturell problematische Märkte.

Der Vorteil aktiven Managements besteht aus unserer Sicht darin, gezielt Zugang zu diesen Wachstumsbereichen zu erhalten und gleichzeitig Risiken in problematischeren Marktsegmenten möglichst zu begrenzen – vorausgesetzt natürlich, man identifiziert die richtigen Manager, wobei ich hier selbstverständlich nicht ganz unvoreingenommen bin.

Unser Ansatz war immer, einem klaren und disziplinierten Investmentprozess zu folgen, Chancen mit attraktivem Renditepotenzial für unsere Kunden zu identifizieren und diesen Prozess konsequent über die Zeit hinweg umzusetzen.

Thomas Schalow: Das war Justin Kariya, Head of Economic and Market Strategy bei City of London Investment Management. Vielen Dank, dass Sie heute bei uns waren und Ihre Einschätzungen und Perspektiven mit uns geteilt haben.

Justin Kariya: Vielen Dank.

Dieses Transkript und die Übersetzung wurden mithilfe von KI erstellt und anschließend inhaltlich überprüft.

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