Warum Investoren Anleihen neu bewerten sollten

Seit Jahrzehnten bilden Anleihen das defensive Rückgrat traditioneller Anlageportfolios. Geschätzt werden sie vor allem für ihre Fähigkeit, in Phasen von Marktstress Stabilität, laufende Erträge und Diversifikation zu bieten. Doch die vergangenen Jahre haben viele dieser Annahmen infrage gestellt und eine neue Debatte darüber ausgelöst, ob festverzinsliche Anlagen ihre traditionelle Rolle noch erfüllen können.

Ian Willings, Partner und Portfolio Manager bei Apollo Multi Asset Management, erläutert, warum Investoren einige langjährige Annahmen rund um Portfoliokonstruktion und Diversifikation neu bewerten sollten.

Die jüngsten Marktbedingungen haben einige der traditionellen Argumente für Anleihen in diversifizierten Portfolios infrage gestellt. Welche Veränderungen sind zu beobachten – und warum ist das heute so relevant für Investoren?

Für eine Anlageklasse, die in weiten Teilen der vergangenen fünf Jahre weder Rendite noch Diversifikation oder Schutz liefern konnte, sind festverzinsliche Anlagen nach wie vor erstaunlich fest in Kundenportfolios verankert.

Investoren halten weiterhin hartnäckig am lehrbuchhaften Konzept der Diversifikation durch Aktien und Anleihen sowie am etablierten 60/40-Modell fest – getragen ebenso sehr von überzeugendem Marketing wie von tatsächlichen Ergebnissen. Die Märkte allerdings scheinen dieses Lehrbuch nicht gelesen zu haben.

Der Blick auf die vergangenen fünf Jahre liefert eine hilfreiche Grundlage, um zu beurteilen, wie sich unterschiedliche Anlageklassen in der Praxis – und nicht nur in der Theorie – entwickelt haben.

Cash hat in diesem Zeitraum stabile und positive Renditen erzielt. Die meisten Anleihensegmente hingegen hatten Schwierigkeiten, überhaupt nennenswerte Erträge zu erwirtschaften – viele blieben sogar deutlich zurück. Britische Staatsanleihen verzeichneten negative Ergebnisse, während auch der Bloomberg Global Aggregate Index enttäuschte. Selbst Unternehmensanleihen, die häufig als attraktiveres Marktsegment positioniert werden, erzielten lediglich moderate Zuwächse.

Für eine Anlageklasse, von der Stabilität, laufende Erträge und Schutz erwartet werden, sollten solche Zahlen zumindest zu denken geben. Dennoch bleiben Anleihen ein zentraler Bestandteil vieler Portfolios – insbesondere bei Investoren mit geringerem Risikoprofil.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Anleihen historisch funktioniert haben oder aktuell funktionieren. Vielmehr geht es darum, warum weiterhin so stark auf sie gesetzt wird, obwohl die Daten ihre zugedachte Rolle zunehmend infrage stellen.

Wenn die Argumente gegen traditionelle Allokationen in festverzinsliche Anlagen inzwischen so überzeugend sind – warum bleiben Investoren dennoch so stark in Anleihen investiert?

Anleihen scheinen trotz einer deutlich längeren und konsistenteren Phase enttäuschender Ergebnisse vergleichsweise wohlwollend beurteilt zu werden.

Anleihen wurden traditionell aus guten Gründen gehalten: Sie sollten laufende Erträge liefern, Kapital erhalten und vor allem Aktienrisiken diversifizieren. Damit bildeten sie den defensiven Kern vieler Portfolios, deren Ziel es ist, Vermögen zu schützen und in Phasen extremer Marktbelastungen Stabilität zu bieten.

Die Annahme, dass sie diese Rolle weiterhin erfüllen, scheint heute jedoch eher auf Gewohnheit als auf belastbaren Daten zu beruhen.

Die Realität der vergangenen fünf Jahre lässt sich nur schwer ignorieren. In vielen Fällen wären Investoren mit einer einfachen Kombination aus Cash und Aktien – ganz ohne Anleihen – besser gefahren und hätten dafür sogar geringere Gebühren bezahlt. Besonders deutlich zeigt dies der IA Mixed Investment 0–35% Shares Sector, der stark von festverzinslichen Anlagen geprägt ist und im Betrachtungszeitraum selbst hinter Cash zurückblieb.

Gleichzeitig haben liquide alternative Strategien – betrachtet auf aggregierter Ebene und nicht anhand einzelner Fonds – im selben Zeitraum positive Ergebnisse erzielt, gestützt auf ein breiteres und flexibleres Spektrum an Renditetreibern.

Sie argumentieren, dass viele Investoren Absolute-Return-Strategien missverstehen, weil sie diese zu isoliert betrachten. Welche Rolle sollten liquide Alternativen künftig in der Portfoliokonstruktion spielen – insbesondere für vorsichtige Investoren, die Diversifikation suchen?

Ja, es handelt sich um eine missverstandene Anlageklasse. Absolute Return ist kein einzelner Trade, sondern eine Sammlung unterschiedlicher Strategien, die jeweils unterschiedlich auf identische Marktbedingungen reagieren.

Mit anderen Worten: Absolute Return sollte als breit diversifizierter Korb verschiedener Exposures betrachtet werden – nicht als einzelner Fonds, der isoliert ausgewählt und beurteilt wird. Wenn Anleihen unter Druck geraten, geraten sie meist gemeinsam unter Druck. Wenn Absolute-Return-Strategien Schwierigkeiten haben, dann aus unterschiedlichen Gründen – und vor allem nicht gleichzeitig.

Absolute Return war nie als Anlageklasse positioniert, die in jedem einzelnen Monat konstant positive Renditen liefern oder in allen Marktphasen negativ mit Aktien korrelieren sollte. Das war nie das Ziel. Dennoch wird die Strategie häufig genau so bewertet.

Weniger häufig wird dagegen anerkannt, dass Anleihen – die gemeinhin als Schutz bei fallenden Märkten gelten – im gleichen Umfeld nicht nur keinen Schutz geboten haben, sondern vielerorts sogar sehr konsistente Verluste verzeichneten.

Es besteht eine klare Asymmetrie in der Interpretation dieser Ergebnisse. Verlieren Absolute-Return-Fonds kurzfristig Geld, gilt dies schnell als Beweis dafür, dass der Ansatz grundsätzlich fehlerhaft sei. Passiert dasselbe bei Anleihen – oft sogar deutlich einheitlicher –, wird dies meist lediglich als unglückliche, vorübergehende Abweichung betrachtet.

Über längere Zeiträume hinweg werden die Daten jedoch zunehmend schwer zu ignorieren. Absolute Return hat – betrachtet als diversifiziertes Opportunity-Set – über verschiedene Kennzahlen hinweg bessere Ergebnisse erzielt als Anleihen: nicht nur bei den Renditen, sondern auch hinsichtlich Volatilität, Drawdowns sowie der Balance zwischen positiven und negativen Perioden.

Die Daten sprechen hier eine klare Sprache. Wird Absolute Return als diversifizierte Allokation eingesetzt, hat die Strategie stärkere und konsistentere Ergebnisse geliefert als Anleihen.

Ausgewählte Renditen der IA-Sektoren – Fünf Jahre bis Ende März 2026

Quelle: FE Analytics. Gesamtrendite vom 31.03.2021 bis 31.03.2026

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Welche Rolle sollten liquide alternative Strategien künftig in der Portfoliokonstruktion spielen – insbesondere für vorsichtige Investoren, die nach Diversifikation suchen?

Der Fehler bei Absolute Return liegt selten in der Strategie selbst, sondern vielmehr darin, wie sie eingesetzt wird. Niemand würde erwarten, dass eine einzelne Aktie oder eine einzelne Anleihe den gesamten jeweiligen Markt abbildet – deshalb diversifizieren wir über Sektoren, Regionen und Emittenten hinweg, um spezifische Risiken zu reduzieren. Absolute Return sollte durch dieselbe Brille betrachtet werden.

Einen einzelnen Absolute-Return-Fonds auszuwählen und zu erwarten, dass er unter sämtlichen Marktbedingungen funktioniert, ist nicht robuster, als eine einzelne Anleihe auszuwählen und von ihr zu erwarten, den gesamten Fixed-Income-Markt abzubilden. Es gibt in diesem Bereich keine Universallösung. Zwar umfasst das Segment viele hervorragende Strategien, gleichzeitig gibt es jedoch auch Ansätze, die zwangsläufig Phasen mit Gegenwind erleben werden. Sich auf einen einzelnen Fonds zu verlassen, bedeutet letztlich eine unnötige Konzentration von Risiken.

Gleichzeitig gibt es für Investoren klare Möglichkeiten, aus diesem Universum ein robustes Portfolio aus hoch diversifizierten Strategien zusammenzustellen, das langfristig überzeugende Ergebnisse liefern kann. Indem Investoren sich von der Abhängigkeit eines einzelnen Fonds lösen und stattdessen auf eine diversifizierte Allokation setzen, können sie die tatsächlichen Vorteile dieser Anlageklasse besser ausschöpfen.

Auch wenn liquide alternative Strategien nicht jede Anlageklasse ersetzen und unter allen Marktbedingungen keinen garantierten Schutz bieten, stellen sie doch einen flexibleren Ansatz der Portfoliokonstruktion dar – einen Ansatz, der weniger von einzelnen Annahmen abhängig ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Anleihen vollständig aus Portfolios entfernt werden sollten, sondern ob ihre Rolle und Gewichtung noch den Realitäten des heutigen Marktumfelds entsprechen.

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